Volitionskompetenz (Volition als Kompetenz)

Definition

Volition als KompetenzVolition wird oft als Willenskraft (Willpower) oder Willensstärke bezeichnet. Damit ist häufig eine besondere Charaktereigenschaft gemeint. Das Problem dabei: Die Persönlichkeit eines Menschen ist nur schwer (wenn überhaupt) veränderbar. Deswegen halten wir es für sinnvoller, die Volition als Kompetenz zu begreigen, die man genauso erlenen kann wie auch andere Fähigkeiten. Um die Volition zu verstehen und lernbar zu machen, stellt sich die Frage: Wie verhalten sich willensstarke Menschen, welche Gewohnheiten haben sie, und was kann man von ihnen lernen, um die eigene autehntische Volitionskompetenz zu entwickeln?

 

Folglich ist Volition die Fähigkeit, Gedanken (Aufmerksamkeit), Emotionen und Aktionen auf das Wesentliche zu lenken und somit einem großen "Wirkungsgrad" bei der Umsetzung von Motiven in Resultate zu erzielen. Motivation erklärt, wie die Handlungsbereitschaft entsteht (der Antrieb), und Volition erklärt, wie dieser Antrieb in Ergebnisse (Erfolge) umgesetzt wird. Volition ist somit eine Weiterentwicklung des Konzeptes der Motivation mit einer besonders starken Praxisrelevanz, weil die Volition nicht als abstraktes Konstrukt (wie im Falle vieler Motivationstheorien) konzipiert ist, sondern als eine Summe beobachtbarer und somit messbarer Verhaltensbeschreibungen oder Fähigkeiten. Daher der Begriff Volitionskompetenz.

 

Voraussetzung für die erfolgreiche Praxis der volitionalen Kompetenzen ist ein authentisches Wertesystem um Prioritäten setzen und Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden zu können. Das gilt für den privaten wie auch für den beruflichen Bereich. Erich Fromm hat das Problem wie folgt beschrieben: "Wir verwenden unsere ganze Energie darauf, das zu bekommen, was wir haben wollen, und die meisten fragen nie nach der Voraussetzung dafür: Daß sie nämlich wissen, was sie wirklich wollen". In einem Forschungsprojekt haben wir die Volitionskompetenz durch fünf (volitionale) Teilkompetenzen mit jeweils 8 Items (Verhaltensbeschreibungen) operationalisiert und  somit "messbar" und trainierbar gemacht. Die Validierung erfolgte anhand einer Stichprobe von rund 14.000 Teilnehmern am Online-Test. Einzelheiten zu diesem Forschungsprojekt befinden sich auf der Seite: www.willenskraft.net. Zahlreiche Publikationen sind auf der Seite "Publikationen" des Instituts für Management-Innovation aufgeführt. 

Um was geht es bei der Volitionskompetenz?

Beim Thema Volition geht es um den sprichwörtlichen Willen, mit dem man Berge versetzen kann. Was nutzen eine hervorragende Bildung, ein hoher Intelligenzquotient oder ausgeprägte 'edele' Motive, wenn man die persönlichen Ziele nicht in die Tat oder in Ergebnisse umsetzt? George Bernard Shaw hat einmal gesagt, die Welt sei voller verkannter Genies, erfolgloser Talente und gebildeter Versager. Worauf es also ankommt im Leben, ist die Fähigkeit, aus gegebenen Mitteln das Beste zu machen. Motivation reicht dazu nicht aus. Zwischen Motiven und Ergebnissen liegt nach neueren Erkenntnissen der Neurowissenschaften die Volition (auch volitionale Kompetenz genannt). Man kann das auf die einfache Formel reduzieren: Erfolg = Zielerreichung; und dazu benötigt man Volition. Dieser Fachbegriff wird umgangssprachlich auch als Umsetzungsstärke bezeichnet.

 

Dieses Konzept der Volition bzw. Volitionskompetenz hat seine Ursprünge in den Arbeiten von Narziß Ach (1871-1946) über den Willen. In der Managementlehre wurde es durch die London Business School und die Universität St. Gallen ins Bewusstsein einer breiteren Fach-Öffentlichkeit gerückt. Am Institut für Management-Innovation wurde ein Ansatz zur Messung der Volitionskompetenz mithilfe eines speziell für die Zielgruppe der Fach- und Führungskräfte entwickeltes Selbststeuerungsinventar anhand der oben genannten empirischen Studie.

 

Die Bedeutung der Volition kann man verdeutlichen, wenn man eine besonders schwach ausgeprägte Volitionskompetenz (auch volitionale oder volitive Kompetenz genannt) betrachtet. Nach Hans-Ulrich Wittchen kennt die traditionelle Diagnostik psychischer Störungen die Konstrukte Willensschwäche und Willenshemmung (Fachbegriff Akrasia). Willensschwäche bezeichnet eine mangelnde Konsequenz bei der Zielverfolgung, eine starke Abhängigkeit von äußeren Einflüssen und Entscheidungsunfähigkeit. Unter Willenshemmung versteht man eine depressive Hemmung alltäglicher Tätigkeiten, die von Angstgefühlen begleitet ist. Dazu gehört auch die Unfähigkeit, Entschlüsse zu fassen und die Betonung von Unlust in Hinblick auf verschiedene Ziele.

 

Die nachfolgende Grafik den Weg vom Motiv über die Volition bis zum Ergebnis und die dazu notwendigen volitionalen Kompetenzen verdeutlichen, die zur so genannten Umsetzungsstärke führen.

 

Volition als Umsetzungskompetenz - die Volitionskompetenz

 
 
 

Abbildung1: Volition (volitionale Kompetenz) als Umsetzungskompetenz

 

Was versteht man unter Volition und Volitionskompetenz und  welche volitionalen Kompetenzen gibt es?

Volition kann man vereinfachend als die Fähigkeit definieren, mit Willensstärke selbst gesteckte Ziele zu erreichen. Am besten kann man diese Fähigkeit bei erfolgreichen Unternehmern beobachten, wie wir sie zum Beispiel in unserer Studie über das Führungsverhalten mittelständischer Weltmarktführer (Hidden Champions) untersucht haben. Diese Menschen entwickeln aus sich selbst heraus trotz widriger Rahmenbedingungen und Risiken klare Ziele, die sie anschließend konsequent verfolgen. Man sagt auch, sie seien intrinsisch motiviert. Doch diese Motivation reicht nicht aus. Vielmehr müssen sie sich auf das Ziel fokussieren, sie müssen Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden können und wissen, was sie wollen.

Diese Verhaltensweisen beschreiben die erste von fünf Teilkompetenzen der Volition bzw. Volitionskompetenz (auch volitionale Kompetenz genannt).

 

Erfolgreiche Menschen verfügen auch über die zweite Volitionskompetenz: Sie können ihre eigenen Gefühle und Stimmungen so beeinflussen, dass sie mehr mentale Energie 'tanken' als verbrauchen. Ihre Gedanken- und Gefühlswelt kreist vor allem um die zuvor festgelegte Fokussierung auf das Wesentliche der Zukunft und nicht auf das Grübeln über emotionale oder zwischenmenschliche Konflikte und emotional belastende Situationen. Mit anderen Worten: sie gestalten gezielt eigene und fremde Gefühle.

 

Die dritte volitionale Kompetenz bzw. Volitionskompetenz ist die Fähigkeit - oder Bereitschaft - vorausschauend zu planen und Probleme zu lösen. Viele Menschen leiden unter zahlreichen - meist emotionalen - Problemen, ohne sie zu lösen. Sie denken, Probleme seien etwas, was ihnen von Anderen oder von Außen auferlegt wurde. Außerdem handeln sie erst, wenn es nicht anders geht. Sie schieben die Lösung von Problemen ständig hinaus, bis sie so groß sind, dass sie kaum noch lösbar erscheinen. Man kann das auch als Niagara-Syndrom beschreiben: Man paddelt auf dem Fluss so lange, bis die Strömung zu einem ernsten Problem wird. Ganz anders ist es bei erfolgreichen Menschen: Sie antizipieren mögliche Probleme und bereiten sich darauf vor; sie investieren also in die Zukunft und verbessern ihre Problemlösungsfähigkeiten.

 

Bei der vierten Volitionskompetenz geht es um die Fähigkeit, das eigene Selbstvertrauen zu stärken und Ziele und Problemlösungen durchzusetzen. Viele Menschen glauben, Selbstvertrauen sei eine mehr oder weniger angeborene oder in der Kindheit und Jugend ausgeprägte, unabänderliche Charaktereigenschaft. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass man Selbstvertrauen lernen kann, wenn man systematisch die drei physiologisch nachgewiesenen Grundbedürfnisse befriedigt. Das sind die Wünsche nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Kontrolle. Dieses Lernen funktioniert nicht von heute auf morgen, es funktioniert aber, wenn man es systematisch trainiert.

 

Die fünfte volitionale Kompetenz ist die zielbezogene Selbstdisziplin. Damit ist nicht der selbst auferlegte Zwang gemeint, der ohnehin nur selten über längere Zeit anhält. Um was es dabei geht, wird klar, wenn man sich die Frage stellt, ob man sich lieber von einem Arzt behandeln lässt, der seinen Beruf nur wegen des Geldes oder Prestiges ausübt, oder ob er es aus innerer Überzeugung tut. Das Gleiche gilt für alle anderen Berufe. Erfolgreiche Menschen erkennen den tieferen Sinn in dem, was sie tun. Und weil sie aus Überzeugung arbeiten, benötigen sie keinen Druck von Außen und können sich besser auf das fokussieren, was wesentlich ist. Zusätzlich bekommen sie Unterstützung von Anderen, für die sie etwas Sinnvolles tun. Damit schließt sich der Kreis zur ersten Volitionskompetenz.

 

Einen Überblick über die wichtigsten Begriffe und Definitionen (Motivation, Volition, Umsetzungskompetenz, Volitionale Kompetenz und Selbststeuerungsinventar) gibt die nachfolgende Grafik.

 

Definitione Motivation, Volition und Volitionskompetenz

Abbildung 2: Motivation, Volition und Volitionskompetenz - Definitionen

Ist das Konzept der Volitionskompetenz wissenschaftlich validiert?

Das Konzept der Volition - oder der volitionalen Kompetenzen - hat eine lange Forschungstradition, die sich bis zu den Arbeiten von Narziß Ach ("Über den Willen") im Jahr 1910 zurückverfolgen lässt. Eine andere Wurzel ist die kybernetische Systemtheorie, die in zahlreichen Wissenschaftsgebieten Anwendung findet. Dazu zählen die Neurowissenschaften, die Psychologie, die Managementwissenschaften und die Psychiatrie (bzw. Medizin). Erkenntnisse aus diesen Disziplinen haben wir am Institut für Management-Innovation zu dem Konzept der Volitionskompetenz zusammengefasst. Einen wissenschaftlichen Artikel einschließlich detaillierter Quellenangaben haben wir bei Wikipedia eingestellt, um das Thema einem breiten Publikum vorzustellen - siehe bei Wikipedia die Beiträge "Umsetzungskompetenz" und "Volition (Management)".

 

Die Teilkompetenzen der Volition haben wir am Institut in einem Online-Test empirisch getestet (Selbststeuerungsinventar). An der Befragung mit diesem so genannten Selbststeuerungsinventar auf der Seite www.umsetzungskompetenzen.com haben bis Oktober 2014 rund 12.000 Teilnehmer mitgemacht und damit zu einer hervorragenden Datenbasis für Validierungsstudien beigetragen. Eine vorläufige Auswertung (Faktorenanalyse) hat die Struktur der Items und Skalen bestätigt. Ferner ergaben sich hohe Korrelationskoeffizienten (0,6 bis 0,8) zwischen den Skalen und Persönlichkeitsmerkmalen, wie sie der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi von der University of Chicago bei überdurchschnittlich erfolgreichen Führungskräften gefunden hat und dem finanziellen Erfolg der Teilnehmer.


Kann man die volitionale Kompetenz messen?

Ja, und zwar mit dem im vorherigen Abschnitt genannten Selbststeuerungsinventar (www.umsetzungskompetenzen.com). Die Teilnehmer bekommen als Auswertung eine zusammenfassende Beschreibung der Volitionskompetenz bzw. der einzelnen volitionalen Kompetenzen. Dabei ist allerdings zu beachten, dass es sich um das Selbstbild handelt. Deswegen ist zu empfehlen, dass man auch die Einschätzung anderer Personen einholt (Fremdbild). Das erfolgt am besten in einem 360-Grad-Feedback, wie es unter der Adresse www.360-grad-feedback.net ausführlich beschrieben ist. Weitere Einzelheiten dazu sind in dem unten beschriebenen Programm zur Entwicklung der Volitionskompetenz skizziert.

 

Kann man die Volitionskompetenz erlernen und trainieren?

Dazu haben wir am Institut für Management-Innovation ein Trainingskonzept entwickelt, bei dem in fünf Schritten ein persönlicher Entwicklungsplan erarbeitet wird.

(1) Ausgangspunkt ist eine Diagnose der Volitionskompetenz mit dem Gießener Inventar der Umsetzungskompetenzen und gegebenenfalls einem 360-Grad-Feedback.

(2) Erarbeitung eines kurzfristigen persönlichen Entwicklungsplans mit dem Ziel, die einfachsten Umsetzungskompetenzen sofort im Alltag zu praktizieren ("learning bei doing")

(3) Manche Volitionskompetenzen erfordern eine längerfristige, vorausschauende Perspektive. Dazu ist es notwendig, die beruflichen und außerberuflichen persönlichen Ziele zu klären, damit die Prioritäten richtig gesetzt werden können.

(3) Abstimmung der beruflichen und persönlichen Ziele im Hinblick auf den möglichen Beitrag zum Erfolg der Organisation für Teilnehmer, die ihre Zukunft in der jetzigen oder einer anderen Organisation sehen.

(4) Aus der Selbsteinschätzung, den Kompetenzinterviews, dem 360-Grad-Feedback und den persönlichen Zielen werden die Soll- und Ist-Kompetenzen ermittelt und verglichen. Dies ist die Ausgangsbasis für die Festlegung des Trainings- und Entwicklungsbedarfs und der Auswahl geeigneter Lernmethoden und Übungen.

(5) Das fünfte Element ist die schrittweise begleitende Umsetzung und Erfolgskontrolle des gesamten Konzeptes. Es handelt sich im Wesentlichen um ein so genanntes Intervalltraining mit Lern-, Anwendungs- Reflektions- und Kontrollphasen.

Information und Kontakt zum Thema Volitionale Kompetenz

 

Fachliteratur zur Volition und Volitionskompetenz

  • Ach, N., Über den Willen, Leipzig 1910
  • Bandura, A., Social cognitive theroy of self-regulation, in: Organizational Behavior
    and Human Decision Processes, 50 (1991)
  • Baumeister, R. F., & Vohs, K., Handbook of self-regulation, research, theory, and applications, New York, 2004
  • Brown, S. P. et. al., Effects of goal-directed emotions on salesperson volitions, behavior, and performance, in: Journal of Marketing, Vol. 61 (1997)
  • Bruch, H. / Ghoshal, S., Beyond motivation: The power of volition, in: Sloan Management Review, Spring 2003
  • Forgas, J. P. et. al., Psychology of self-regulation, New York, 2009
  • Haggard, P., Human Volition: Towards a neuroscience of will, Neuroscience, December 2008
  • Hoyle, R. H., Handbook of personality and self-regulation, Boston, 2010
  • Kanfer, F. H., Self-regulation, Research, issues, and speculations, in: Neuringer D., & Michael, J. L., (Eds.), Behavior modification in clinical psychology, New York, 1970
  • Keller, J., An Integrative theory of motivation, volition, and performance, Tech., Inst., Cognition and Learning (2008)
  • Kornhuber, H. H. & Deecke, L., Hirnpotentialänderungen beim Menschen vor und nach Willkürbewegungen, in: Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie, 284 (1965)
  • Mezo, P. G., The self-control and self-management scale, in: J. Psychol. Behav. Assess. 31 (2009)
  • Pelz, W., Fokussieren statt verzetteln, in: Personal, Zeitschrift für Human Resource Management,
    Nr. 4/2010
  • Pelz, W., Speakers Corner: Volition ist wichtiger als Motivation, in: Manager-Seminare, März 2011
  • Pelz, W., Volition: Wie man Ideen umsetzt und Ziele erreicht, in: Berufsziel 1/2012 (Beilage der Süddeutschen Zeitung)
  •  Pelz, W.: Umsetzungskompetenz als Schlüsselkompetenz für Führungspersönlichkeiten. In: Au, Corinna von (Hrsg.): Leadership und angewandte Psychologie. Band 4: Führen im Zeitalter von Veränderung und Diversity. Berlin: Springer Verlag (erscheint Anfang 2016).

Prof. Dr. Waldemar Pelz, Lehrstuhl für Internationales Management und Marketing an der Technischen Hochschule Mittelhessen. Forschung und Entwicklung sowie Technologietransfer am  Institut für Management-Innovation (Steinbeis-Transferzentrum)

Kontakt: w.pelz(at)w.thm.de